Stories

Ein elektronisches Pling ertönt. Das ist das Zeichen für Elizabeth. In einer einzigen Bewegung dreht sie sich um und den Verstärker auf. Jemand hat die Lichtschranke durchbrochen und wird jetzt mit russischen Kampfliedern bombardiert, die stilecht aus einem schrappeligen kleinen Volksempfänger plärren. Der vielstimmige Männergesang unterbindet jedes weitere Wort. Schweigen scheint sowieso angemessener. Oder sollte man vielleicht strammstehen und ein bisschen mitsingen? Man kann auch einfach seine zweihundert Forint entrichten, die Kasse für die nächsten Besucher freimachen und sich bedächtig unter die alten Volkshelden mischen.

Wo, fragt man sich, wenn man in die großen Städte des Ostens reist, wo sind sie eigentlich alle geblieben, die gigantischen Mahnmale und sozialistischen Heldenfiguren, die an jeder wichtigen Straßenkreuzung standen und ihre eigene Größe zelebrierten? Sie waren schneller weg als die McDonalds da waren. Die Symbole der Unterdrückung, allesamt unverzüglich umgestürzt, abtransportiert und eingeschmolzen? Kann man ja verstehen. Haben sie doch überall so gemacht. Jedenfalls fast überall.

In Ungarn nämlich nicht. Dort schlug schon im Sommer 1989 der Literaturhistoriker László Szörényí vor, eine Anlage zu bauen, wo alle Lenin-Statuen aufgestellt werden sollten. Es muß wohl eine stattliche Anzahl davon gegeben haben. Danach wurde viel diskutiert und erstmal nichts eingeschmolzen. Zwei Jahre später gab es dann einen Beschluss der Budapester Generalversammlung und eine Ausschreibung des Komitees für Kulturelle Angelegenheiten, und nochmals zwei Jahre später wurde am westlichen Stadtrand von Budapest der Szobor-Park eröffnet.

Wobei „Park“ nicht unbedingt mit der gleichnamigen Grünanlage gleichzusetzen ist: Auf dem Areal von der Größe eines Fußballfeldes und der Form eines leicht angeschlagenen Achtecks verstellt kein Baum und kein Strauch den Blick auf die monumentalen Figuren. In streng symmetrischer Anordnung finden sich immerhin stattliche vierzig Exponate, von der relativ bescheidenen Erinnerungstafel bis zur revolutionären Stürmerfigur, die einer ganzen Schulklasse genug Platz zum Draufherumturnen bietet. Denkmale zur Befreiung, mal von den Russen und mal durch die Russen, Denkmale der sowjetisch-ungarischen Freundschaft, der Arbeiterbewegung, der Soldatenräte und der internationalen Brigaden in Spanien. Und sogar ein Denkmal für die Druckerei der KMP.

Dazu die Ikonen der Arbeiterbewegung. Sozialisten, Kommunisten, Revolutionäre und Parlamentäre, je nach politischer Wetterlage mal gefeiert, mal verdammt. Da stehen sie nun mehr oder weniger einträchtig beieinander. Die Befreier von einst neben den Befreiern von den Befreiern, und auch jene, die die Befreiten wieder von den Befreiern befreiten. Monumental, überdimensional, aus Stein gehauen oder in Bronze gegossen, aufs Podest gestellt, und ein bisschen lächerlich. Denn so war das ja nicht gedacht, als sie noch ihren festen Platz in der Gegenwart hatten und von ihren hohen Sockeln auf das ungarische Volk herabguckten. 

Dimitrov, Béla Kun, József Kalamár, Endre Ságvári, Ferenc Münnich, Ede Chlepko, Ostapenko und die anderen. Alle sind sie vertreten. Nur Stalin fehlt. Aber das bedauert niemand. Dafür gibts Lenin gleich zweimal. Der eine steht am Eingang und wendet seinen Kollegen den Rücken zu. Er wirkt ein wenig gebeugt. Es sieht aus, als wolle er die Besucher begrüßen, bevor sie das Areal betreten. Aber vielleicht blickt er auch nur verächtlich über sie hinweg, wehmütig nach Osten, wo irgendwo Moskau zu vermuten ist. Der andere Lenin steht mit durchgedrücktem Kreuz und erhobenem Arm da und streckt seine geöffnete Hand dem ungarischen Volk entgegen, das diese Geste offenbar gründlich missverstand: Anfang der 80er Jahre, als die Lebenshaltungskosten dramatisch anstiegen, fand sich eines Morgens ein frisches Schmalzbrot darin.

Die Besucher gehen erfreulich unbefangen mit dem Altmetall um. Schulklassen, Betriebsausflügler, Liebespaare und junge Familien bestaunen die Figuren, als läge der Zusammenbruch des Kommunismus nicht eine Dekade, sondern ein Jahrhundert zurück. Je nach Temperament klettern sie darauf herum, äffen ihre Haltung nach oder picknicken zu ihren Füßen. Nur einigen älteren Besuchern steht die Nachdenklichkeit im Gesicht. Ilona aus Budapest war siebzehn, als es Stalin vom Sockel haute. Heute ist sie mit ihren beiden Enkeln da und erzählt ihnen ein bisschen von früher. Es ist gut, dass sie hier stehen und nicht mehr in der Stadt, sagt sie. Aber es ist auch gut, dass es sie noch gibt. Damit man sie nicht vergisst.

Allein deshalb lohnt sich ein Abstecher zu dieser weltweit einzigartigen Sammlung. Sie liegt im XXII. Bezirk Budapests, an der alten Landstraße nach Wien. Mit dem Gelben Bus ab Etele tér Richtung Diósd-Erd sind es 15 Minuten Fahrt. Danach kann man gleich weiterfahren zum Plattensee, der hier Balaton heißt, und dessen Besuch ohnehin zum Ungarn-Pflichtprogramm gehört.


Die Quelle des ewigen Lichts ist ein gesegneter Ort auf hoffnungslos verseuchtem Boden im härtesten Industriegebiet Hamburgs.

Die Segnung war am 16. September 1999. Auf der Peute. Das ist gleich hinter den Elbbrücken, Industriegebiet seit Urzeiten und entsprechend versaut. Da kommt man eigentlich nur hin, wenn man einen Vierzigtonner fährt oder wenn man in Richtung Freihafen falsch abgebogen ist.

Die Segnung wurde vorgenommen vom Weihbischof des Erzbistums Hamburg sowie dem Probst der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche. Höchstpersönlich, einträchtig und beeindruckend ökumenisch. Und für den Festvortrag reiste immerhin Professor Dr. Wilfried Herle, amtierender Pfarrer und Lehrstuhlinhaber für ethische Unternehmensführung aus Heidelberg an. Nicht schlecht für einen 15-Mann-Betrieb, der seinen neuen Laden einweiht, zumal im protestantischen Norden, wo Betriebssegnungen nicht gerade die Regel sind. 

Die Firma Aeterna, die sich mit diesem Festakt feierte, ist Marktführer auf ihrem Gebiet und stellt in Hamburg seit siebzig Jahren etwas her, was hier im Norden so gut wie niemand braucht: Grablichte und Ewiglichte. Oder korrekter ausgedrückt: Ewiglichtöl, Öl-Lichte und Ewiglichtöl-Kerzen, unabdingbare Accessoires des katholischen Alltags, die ihr tröstliches Licht vor allem in den dunkleren Monaten in Kirchen und auf Friedhöfen südlich der Mainlinie verbreiten.

Die Segnung bildete den feierlichen Höhepunkt eines nicht ganz problemlosen Neuanfangs. Aber der eigentliche Segen für die Firma Aeterna kam schon gut dreißig Jahre vorher über sie und heißt Horst Achilles. Der war 1968 bereits ein gestandener Marketingmann und hatte bei seinem Arbeitgeber, einem norddeutschen Keksriesen, gerade in den Sack gehauen, weil er nicht mitgeschluckt werden wollte, als der sich einem noch größeren Keksriesen in den Rachen warf. Den gebürtigen Rheinhessen und bekennenden Katholiken Achilles zog es mit seiner Frau wieder in südlichere Gegenden. Aber vorher stolperte er noch über einen rätselhaften Satz: ”Dem Produkt ent­sprech­end wäre es von Vorteil, wenn der Bewerber katholisch ist.“ Genauso stand es in der Stellenanzeige eines Hamburger Unternehmens, dessen Namen er noch nie gehört hatte. Aus reiner Neugier machte er einen Termin. Er wollte wissen, was die sich dabei gedacht hatten. Und landete als Geschäftsführer bei Aeterna.

Das Unternehmen gehört zu einem kleinen im Raum Hamburg beheimateten Konsortium, war bis in die zwanziger Jahre in Augsburg ansässig und geriet als Anhängsel beim Kauf einer Ölmühle eher zufällig ins Firmenportefeuille. Sie wurde damals nach Hamburg verlegt, weil die Nähe zu den Rohstoffen sinnvoller erschien als die Nähe zu den Verbrauchern. Und dabei ist es geblieben. Die Eigentümer, zwei Hamburger Familien, mischen sich kaum ins Tagesgeschäft und überließen es Achilles, das Beste aus seinem Job und der traditionsreichen Ewiglichtfirma zu machen. Und das tat er.

Als erstes setzte er um, was er als Markenartikler verinnerlicht hatte und machte Aeterna zum ersten und bis heute einzigen Markenartikel auf dem Markt der Ewiglichte. Dort ist Aeterna heute der größte, teuerste, zuverlässigste und gesündeste Wettbewerber. In dem Markt tummeln sich rund 100 Anbieter, das Umsatzvolumen liegt zwischen 450 und 500 Millionen, aber das ist dann auch schon alles, was man darüber weiß. Solche Größenordnungen sind natürlich eine Lachnummer für Global Player wie den besagten Keksriesen oder die Telekommunikationsgiganten von heute. Aber dafür kommunizieren die auch nicht mit Gott, schmunzelt Achilles.

Was ihn damals überzeugt hat, bei Aeterna zu unterschreiben, gilt noch immer. Es fallen Begriffe wie ökologische Verantwortung und ethische Unternehmensführung. Mit christlichem Zubehör nicht nur Geld verdienen, sondern dabei auch christlich handeln? So ungefähr. Niedergeschrieben ist das nirgends. Das entsprechende Positionspapier existiert nur in den Köpfen, aber dort ist es umso lebendiger.

Da ist zum Beispiel die Frage der Vergänglichkeit. Irgendwas stimmt doch nicht, sagt Achilles eines Tages, wenn ein Ewiglicht nach einer Woche im Orkus ist und die Hülle als ewig unverrottbarer Müll zurückbleibt. Horst Achilles fragt bei der kunststoffverarbeitenden Industrie nach ökologisch vertretbaren Alternativen für das bis dahin verwendete PVC. Und erntet mit seinen Stückzahlen nur mildes Lächeln. Kein Interesse.

Das bringt Achilles in Rage. Beim renommierten Battelle-Institut in Frankfurt findet er schließlich ein offenes Ohr. Gemeinsam entwickeln sie 1991 Biocellat®, ein Cellulose-Acetat, als neues Material für die Kerzenhüllen. Das ist biologisch abbaubar, darf unbedenklich auf den Friedhofskompost und verbrennt sogar ohne kritische Rückstände. Nebenbei gründet Achilles während dieser Zeit mit anderen Außenseitern, die ähnlich denken und genauso unzufrieden sind, die IBAW, die Interessengemeinschaft biologisch abbaubare Werkstoffe e.V. So tickt Horst Achilles. 

Wir gehen durch den Betrieb. Ein zweckmäßiges, flaches, zweigeschossiges Betriebsgebäude mit Vordach und Lkw-Rampe. Eine weiträumige helle Halle mit computergesteuerter Produktionsstraße. Platz genug, um nebenan noch Fußball zu spielen. Ein kleines Labor, wo die Materialien ständig getestet und alle Einflußfaktoren von Dochtabbrand bis Luftfeuchtigkeit vollelektronisch durchgerechnet werden. Ein Ewiglicht, das etwas taugt, muss nämlich exakt eine Woche brennen. Darauf muss man sich verlassen können. Auch Kirchen kennen den Begriff Schichtwechsel.

Eine kleine Testkammer, in der es kalt ist und zieht wie auf einem Friedhof, und in der unzählige Grablichter vor sich hin flackern. Am hinteren Ende eines großen winkligen Raumes sitzen zwei Männer am Fenster, verputzen ihre mitgebrachten Brote und winken freundlich herüber. Ein Blick um die Ecke: Oh, hier kann man duschen. Berufsgenossenschaftlich vorgeschrieben ist das nicht, oder? In den Büros Monitore auf den Tischen und Tierkalender an den Wänden. Freundliche Leute, die einem gleich Kaffee und Kekse anbieten. Und alles blitzsauber. Hier wird noch jeder jeden Morgen mit Handschlag begrüßt, stimmt’s? Stimmt.

Wir gucken rüber auf die andere Straßenseite. Dort zerbröselt langsam das alte Gebäude, aus dem die letzten siebzig Jahre die Grablichte und Ewiglichte kamen. Ob es dort romantischer war? Für Besucher vielleicht. Aber auch für die Mitarbeiter? Für Horst Achilles war der Neubau jedenfalls ein persönliches Anliegen. Um das zu einem guten Ende zu bringen, hat er bedenkenlos seine Pensionierung verschoben.

Der Grund und Boden, auf dem alles steht, das alte wie das neue Gebäude, ist zwar verseucht, aber Eigentum. Schon ewig. Darum lag die Idee nahe, gleich gegenüber zu bauen. Außerdem fühlt sich Aeterna als ein Unternehmen, das hier seine Wurzeln hat, das sehr glücklich mit seiner gut eingespielten Mannschaft ist und das absolut keinen Grund für eine Verpflanzung ins Irgendwo sieht.

Lange bevor der Neubau gesegnet werden konnte, mussten allerdings ein paar Leute ihren Segen geben, die nicht in Kirchen, sondern in Amtsstuben residieren. Und die taten sich schwer. Sehr schwer sogar. Vielleicht haben die sich auch gefragt: Grablichte? Ewiglichte? Was ist das denn. Sowas brauchen wir hier nicht. Die lassen wir mal ein wenig zappeln, und dann verlieren sie die Lust und verziehen sich irgendwann ins Voralpenland. Oder so. Wer weiß.

Jedenfalls wurde in dieser Situation Anfang der neunziger Jahre, als Achilles bereits in die Sechziger ging, sein Kampfgeist noch mal richtig gefordert. Die Stadt hatte nämlich auch einen Plan. Und der sah an dieser Stelle eine Verkehrsfläche vor. Also wollte sie, statt den Kerzenziehern einen Neubau zu genehmigen, ihnen lieber das Gelände abkaufen. Nicht einfach so. Sondern lastenfrei, bitteschön. Das heißt: mit sauberem Boden. Achilles hat das mal durchgerechnet. Aeterna wäre dabei mit Plusminus Null rausgekommen. Nicht gerade ein Angebot, wo man sofort zugreifen muss. Aeterna wollte lieber hier bauen. Die zuständigen Behörden wollten lieber nicht. Und die haben in solchen Fällen bekanntlich nicht nur den längeren Arm, sondern auch sehr subtile Mittel, um willige Unternehmer zur Verzweiflung zu bringen.

Der übliche Hickhack begann. Und Horst Achilles bekam zu spüren, daß ein mittelständischer Betrieb mit gerade mal fünfzehn Arbeitsplätzen nicht unbedingt das ist, was die Bildzeitung oder den Kanzler auf den Plan ruft. Sondern eher im Bereich Peanuts liegt, irgendwo in der Nähe von Schnurz.

Die Rettung kam dann aus Brandenburg. Aber nicht so, wie man denkt. Sondern als Auslöser für einen kräftigen Befreiungsschlag. Das war dann tatsächlich das Angebot, zu dem man eigentlich nicht Nein sagen kann: Hilfen bei der Umsiedlung des kompletten Betriebes, Steuerbegünstigungen, Zuschüsse aus allen möglichen Töpfen von Straßburg bis EG. Und was macht Horst Achilles? Schreibt einen mehrseitigen Brief an den Wirtschaftssenator, in dem er seinem heiligen Zorn Luft macht. Klar, er weiß selbst, dass der Stadtstaat Hamburg nicht über die Mittel verfügt, mit denen andere Regionen locken. Aber er will verdammt nochmal ja auch gar keine fetten Zuschüsse, sondern nur ein paar Genehmigungen, die einem gesunden Betrieb, der sich in dieser Stadt wohl fühlt, das Bleiben ermöglichen. Und er will auch nicht in Hamburg fünfzehn Leute entlassen, um irgendwo in Brandenburg fünfzehn neue Leute einzustellen.

Das sitzt. Zwei Tage später stehen zwei Herren vor der Tür. Und sitzen zwei Jahre später bei der feierlichen Segnung des Neubaus im Auditorium und lauschen Telemanns Wassermusik.  Wir wollten doch nur zügig verhandeln und zu einer Lösung kommen, mit der alle Beteiligten zufrieden sind, sagt Horst Achilles. Von Anfang an. Hat halt ein bisschen länger gedauert. Sogar für das Bodenproblem haben wir eine Lösung gefunden. Horst Achilles ist nicht nachtragend. Er ist zufrieden. Auch ein bisschen stolz. Aber das darf er weiß Gott sein.

Wenn man dann gegen Abend im Weggehen die aufgereihten Grablaternen betrachtet, die in dem schmalen Gartenstreifen am Gebäude ihr milde flackerndes Testlicht auf die Hauswand werfen, kann einen schon mal ein leiser Verdacht beschleichen. Dass vielleicht doch irgendwo jemand ist und guckt und seine schützende Hand über dieses kleine Unternehmen hält, das mitten auf der knallharten Peute sitzt und da um alles in der Welt nicht weg will.  

Horst Achilles sucht übrigens einen Nachfolger. Er muss nicht katholisch sein.   


Wir stehen am Ufer, gucken weit übers Wasser, das sich glitzernd unter dem hohen blassblauen Himmel räkelt und bringen kein Wort heraus. Wir sehen uns an, aber dazu fällt uns wirklich nichts ein, also schweigen wir weiter.

Endlich am Meer. Sonne, Wasser, Strand, Möven, weiße Segel, weitgehend entblößte Menschen, quietschende Kinder, in der Luft der Geruch von Sonnenöl und das Geräusch von anspruchsloser Musik.

Was treibt die Menschen dazu, ihre sicheren Häuser zu verlassen, ihre sicheren Autos zu besteigen, sich auf kilometerlange Fahrten über abgesicherte breite Betonstreifen zu begeben, nur um irgendwann an irgendeinem Ufer zu stehen und stumm ins Leere zu gucken?

Heinz weiß wahrscheinlich die Antwort. Heinz steht neben uns und sagt genau wie wir erstmal eine Weile gar nichts, aber er hält das nicht so lange durch. 

Soviel Wasser auf einem Haufen, da wird einem immer ganz anders, nicht?

Heinz seufzt. Früher, ja, da kamen sie beinahe jedes Wochenende her. Liegt ja auch vor der Tür. Nur eine halbe Stunde Fahrt, und die Straßen waren auch nicht so voll wie heute.  Aber seit seine Frau nicht mehr ist, kommt er nur noch selten her. Es gibt Tagestouren mit dem Bus, doch die umständliche Fahrt und das Geschwätz der Leute, das kann er nicht so gut ab. Den Kadett mußte er vor zwei Jahren verkaufen. Die Augen. Und mit der Rente, man weiß ja wie das ist, und ob die in Bonn sich eigentlich gar nicht schämen.

Wir blicken betreten zu Boden. Auch da gibt es viel zu sehen.

Das einheitliche Grau, mit dem andere Gemeinden ihren Boden gewohnheitsmäßig versiegeln, ist hier aufs anmutigste aufgelockert. Betonsteine in nie gesehenen Größen, Formen und Graustufen bis zum blassen Sandsteinrot, wohin der Fuß tritt. Mal planvoll von der Straßenmitte ausgehend zu den Rändern hin symmetrisch angeordnet, mal abenteuerlich kombiniert, um Ecken und Kurven geführt, hat sich die flächendeckende gepflasterte Vielfalt längst von der Straße über die Gehwege und die Einfahrten bis in die Gärten, vor die Garagentore und die Hauseingänge vorgearbeitet. Sorgfältig geschichtete Steinhaufen vor den Häusern belegen, dass der Prozess noch nicht abgeschlossen ist. Vielleicht hat das mit dem Ortsnamen zu tun hat, das mit den Steinen.

Aber darum sind wir nicht hergekommen.

Wir sind am Meer. Wir sind in Steinhude. Das Meer heißt Steinhuder Meer und liegt mitten im Land, eine halbe Autostunde von Hannover. Und wir sind hier, weil wir wissen wollen, wie das so ist an einem Meer, das gar nicht an der Küste liegt, und warum dieses Meer, das eigentlich ein See ist, Meer heißt.

Wir haben Heinz gefragt. Er wußte es leider auch nicht.

Immerhin ist so ziemlich alles da, was man braucht, wenn man ein Meer sein will. Aber so gut wie nichts von dem, was einem einen Tag am Meer, seien wir doch mal ganz ehrlich, ganz schön versauen kann. Das bestürzende Erlebnis zum Beispiel, dass das Auge sich im Unendlichen verliert und der Geist womöglich gleich dazu, davor ist man hier sicher. Man guckt weit übers Meer, aber das Auge findet immer einen Halt: das sichere Ufer gegenüber. Da kann keiner zu weit raussegeln oder schwimmen und womöglich verschüttgehen.

Ertrinken ist auch nicht so einfach. Das Meer ist viereinhalb Kilometer breit und fast doppelt so lang. Aber nur anderthalb Meter tief. Im Schnitt. Irgendwo in der Mitte ist eine Rinne, da soll das Meer drei Meter tief sein. Wer den Nervenkitzel sucht, muß da einfach mal rüberpaddeln. 

Es gibt eine Uferstraße, eine Hafenstraße und einen Fischerweg, zuverlässige Indizien für dem Meer zugewandte Ansiedlungen. Nur die Straße ”Zum Meer“ führt nicht direkt zum Meer, daran wird man noch arbeiten müssen.

Man kann in diversen Meerblick-Restaurants einen Fisch verspeisen und mit etwas Glück auf das Wasser gucken, in dem er gelebt hat. Und wenn der Fisch zu salzig schmeckt, ist garantiert der Koch schuld. Man kann spazierengehen auf der Promenade, rechts das Meer, links die Lagune, in der die knatschblaue Flotte der Freizeitkapitäne dümpelt. Und kein Brandungslärm stört das angeregte Gespräch, in das die allgegenwärtigen Rentner bekanntlich unablässig vertieft sind. Bisschen wenig Wind vielleicht. Aber dafür bleibt die Frisur in Form. Und für ein bisschen Segeln reicht das doch allemal.

Und: man muss sich nicht die Nase zuhalten. Das hasst Heinz am meisten an dem anderen Meer, oben wo es nicht mehr weitergeht. Da will man sich eine frische Brise um die Nase wehen lassen, und dann dieser nichtauszuhaltende Gestank. Seetang, tote Quallen und anderes Getier. Und Kurtaxe wollten sie auch noch haben.

Dass das Fehlen von etwas eine Bereicherung sein kann, ist nun wirklich keine neue Erkenntnis. Aber es ist immer wieder schön, sie bestätigt zu finden. Das Fehlen von Ferraris zum Beispiel. Der syltgeprüfte Ruhesuchende vermerkt es mit Dankbarkeit. Keine hei­seren schwarzen Porsches, keine chrombeladenen Manager-Harleys. Würde nicht ins Bild passen.

Praktisch, so ein kleines Meer. Alles hat eine überschaubare Dimension, und man weiß, woran man ist. Was will man mehr?